Blockade von Bab al-Mandab: „Uns wird das wieder an der Tankstelle ereilen“

Interview – von MDR AKTUELL

Stand: 12.09.2026 05:00 Uhr

Globale Lieferketten bleiben auf freie Seewege angewiesen, Alternativrouten können den Welthandel nur begrenzt entlasten.

Blockade von Bab el-Mandab träfe vor allem den Ölmarkt und könnte Folgen für Versorgungssicherheit und Verbraucher haben.

Europa muss nach Ansicht von Moritz Brake stärker Verantwortung übernehmen, weil der Konflikt unmittelbar eigene Interessen berührt.

Militärischer Schutz von Handelsschiffen stößt an Grenzen, wenn die Bedrohung durch Raketen und Drohnen von Land ausgeht.


Moritz Brake

Moritz Brake ist Gründer und Geschäftsführer unter anderem des Beratungsunternehmens Nexmaris, Senior Fellow für maritime Sicherheit und Strategie am CASSIS Think-Tank der Universität Bonn und Reserveoffizier der Deutschen Marine.


MDR AKTUELL: Wie bekommen wir es zu spüren, wenn nach der Straße von Hormus die nächste wichtige Meerenge umkämpft sein sollte?

Moritz Brake: Es ist nicht neu: Das Rote Meer, die Straße von Bab el-Mandab, wird durch die Huthis schon länger angegriffen. Wir beobachten das und spüren die Effekte seit Herbst 2023 in wechselnder Intensität. Aber jetzt gerade kommt natürlich eine Krise auf die nächste. Und es zeigt sich einmal mehr, wie dicht die Einschläge kommen für unsere maritimen Versorgungslinien. Das ist ganz wichtig und kann man nicht genug unterstreichen: Über 90 Prozent des weltweiten Handels gehen übers Meer. Das, was da blockiert werden kann und verwundbar ist, das können wir nicht an anderer Stelle auffangen. Wir können im globalen Seehandelssystem zwar gelegentlich Alternativrouten wählen, aber wir können nicht ohne Seehandel existieren.

Was steht denn einer möglichen Blockade durch die Huthis in dieser Meerenge denn gerade noch entgegen?

Saudi-Arabien hat schon früher im jemenitischen Bürgerkrieg eingegriffen, eben weil die Gefahr groß ist. Die Golfstaaten sind betroffen. Das, was jetzt gerade speziell durch die Huthis angegriffen wird, ist ja die Ausweichlösung für die ohnehin blockierten Exporte durch die Straße von Hormus.

Der globale Ölmarkt ist besonders betroffen, mit allen Effekten auf alle Teilnehmer dieses Marktes, also auch uns.

Moritz Brake

Der globale Ölmarkt ist besonders betroffen, mit allen Effekten auf alle Teilnehmer dieses Marktes, also auch uns. Auch uns wird das wieder an der Tankstelle ereilen, aber vielmehr eben in an der strategischen Komponente – der Versorgung mit Öl, wo es eben um mehr geht als nur Konsumentenpreise an der Tankstelle.

Saudi-Arabien hat ja die USA gebeten, die Huthis selbst anzugreifen. Die USA haben das abgelehnt. Geht es da schlicht um eine Überlastung der USA aufgrund des Konflikts mit dem Iran in der Straße von Hormus?

Ich könnte mir gut vorstellen, dass es hier auch darum geht zu sagen, wir brauchen hier letztlich eine Koalition vor Ort. Aber es ist auch noch eine Frage, die wir uns selbst stellen müssen: Warum hält Europa seit der Eskalation des Konfliktes vor Ort, seit Beginn des Krieges, insgesamt so still? Uns betrifft es in unseren Interessen. Aber unsere Ressourcen sind schon sehr beansprucht, wenn es darum geht, mit der Bedrohung durch Russland umzugehen. Wir müssen immer mehr anerkennen, wie sehr uns der Konflikt im Nahen Osten trifft. Das heißt, auch wir müssen hier handeln.

Um nochmal kurz bei den USA zu bleiben: Das erinnert ja alles ein wenig an JD Vance, der in einem öffentlich gewordenen Signal-Chat Anfang 2025 geäußert hat, er hasse es, den Europäern wieder aus der Klemme helfen zu müssen. Da ging es um diese Meerenge und er begründete, nur drei Prozent des US-Handels gingen durch den Suezkanal, aber 40 Prozent des europäischen Handels. Wollen die USA diesen Einsatz der Europäer vielleicht sogar durch ihr Fernbleiben provozieren?

Das ist ein interessanter Gedanke, der nicht völlig von der Hand zu weisen ist. Für uns ist aber ganz klar, egal wer das jetzt provoziert, wir müssen mit dem Scherbenhaufen, den wir vor Ort vorfinden, umgehen. Und das heißt, wir müssen uns auch ernsthaft Gedanken machen, wie wir den Huthis Einhalt gebieten. Saudi-Arabien ist so unmittelbar betroffen und selbst auch handlungsfähig. Das heißt also, hier hätten wir natürliche Partner vor Ort, die wir unterstützen können und gegebenenfalls sogar müssen.

Und an was für eine Unterstützung denken Sie dort?

Das muss auch soweit gehen, dass wir über militärische Maßnahmen nachdenken. Hier ist die regionale Stabilität betroffen, aber auch unsere ureigensten Interessen. Das heißt, wenn Saudi-Arabien in erster Linie selbst Gegenmaßnahmen ergreift, die Huthis aus dieser Position zu verdrängen, dann müssen wir da unterstützen.

Nun ist die Bundeswehr ja gemeinsam mit anderen europäischen Staaten bereits in der Region aktiv – im Rahmen der EU-Operation Aspides. Wie genau sieht dieser Beitrag gerade aus?

Der Beitrag sieht so aus, dass wir versuchen, so gut wir können, Handelsschiffe zu schützen. Wir merken aber, solange wir uns nur auf das Meer beschränken, kommen wir an unsere Grenzen. Das, was die Huthis von Land aus in der Lage sind, auf See abzufeuern, an Drohnen, an ballistischen Raketen, an Marschflugkörpern, ist selbst für moderne Kriegsschiffe eine ernste Herausforderung, bis hin zu der Gefahr, dass wir auch eigene Treffer bei teuren, seltenen Kriegsschiffen riskieren. Deren Verlust könnten wir aktuell überhaupt nicht verschmerzen, mal davon abgesehen, dass es hier auch um Menschenleben geht. Wenn wir Kriegsschiffe schicken, schicken wir Soldaten und Soldatinnen – um mit einer Krise umzugehen, die wir noch nicht bis zum Ende durchgedacht haben.

Das Bundestagsmandat für diese Operation Aspides läuft Ende Oktober aus. Es muss also demnächst darüber beraten werden, wie sollte sich Deutschland da konkret anders aufstellen.

Wir haben verschiedene Möglichkeiten, etwa Saudi-Arabien zu unterstützen mit Informationen, mit Technologien, möglicherweise auch aus der Ferne, mit maritimen Fähigkeiten. Das, was unsere Marine kann, ist hervorragend und wertvoll in so einer Situation, aber wir haben davon insgesamt zu wenig. Wir sind an vielen, vielen Krisenherden gleichzeitig gefordert. Das ist aber einer, der uns in unseren Kerninteressen tatsächlich berührt. Und wir müssen uns Gedanken machen, wie wir dafür Ressourcen mobilisieren und wie wir schnell zusätzlich Ressourcen aufbauen, um an solchen Stellen schnell handlungsfähig zu sein. Wenn wir über Landes- und Bündnisverteidigung nachdenken, dann dürfen wir uns nicht nur auf die Landesgrenzen in Richtung Osten beschränken und auch nicht nur auf Nord- und Ostsee, sondern wir müssen unsere maritimen Verbindungslinien global denken.

Quelle: https://www.mdr.de/nachrichten/welt/politik/mandab-huthi-oel-sprit-preis-meerenge,hormus-282.html

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